Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Ein Osterspaziergang

27.03.2018, Karl Scheffsky, Schwerin

Der königlich preußische Philosoph Hegel, dessen Dialektik Marx besonders zu schätzen wusste, schrieb seinen Studenten der Berliner Universität an die Wandtafel: Heute ist Dienstag. Am nächsten Tag reichte den Studenten ein Blick: Heute ist immer noch und richtig. Aber Dienstag ist falsch, denn ist war schon Mittwoch. Also, stellte der große Denker fest: Das Allgemeine sei "Heute" und Dienstag, Mittwoch usw. das Einzelne. Deshalb schreibe ich heute über Ostern und verbinde es wie meine Generation in Ostdeutschland mit Goethes »Osterspaziergang«. Der »Unrechtsstaat« DDR verlangte ihn zu meiner Schulzeit schon in der 7. Klasse auswendig zu lernen. Das sitzt bei mir heute noch. Welch ein Gewinn für das Denken in Zusammenhängen. Um so erstaunter war ich, als im Fernsehen weder Ulli Höhnes, es war die Zeit vor den Knastsorgen, noch andere westdeutsche Prominente den Dichter des »Osterspaziergang« nennen konnten. Nur Maria Furtwängler schien eine Ahnung zu haben. Sie artikulierte unsicher: Goethe, war das nicht Goethe? ..., ja, .... Goethe. Daraufhin erinnerte ich mich: In der 9. Klasse war Goethe Lehrstoff bei uns. Unsere 8. Klasse fuhr zum »Faust« ins Wismarer Theater. Ein bisschen viel der Zumutung. In der 12. Klasse war »Faust« Unterrichtsstoff. Und das Beste. Ich erlebte den Professor für Ästhetik und Kultur Walter Besenbruch in sechs Lektionen über »Faust« im Philosophiestudium der Humboldt-Universität. Er war ein Antifaschist, der 12 Jahre in Haftanstalten des Hitler-Regime verbringen musste, Ende der 40er-Jahre Polizeipräsident von Merseburg war und uns Studenten dann in der DDR im Sinne des Humanismus sowie des Widerstandes gegen Faschismus und Krieg Bildung und Erziehung angedeihen ließ. Geprägt wurde meine Studienzeit am Philosophischen Institut wesentlich durch das Wirken von Professoren, die aus dem KZ, der Emigration bzw. dem Nationalkomitee Freies Deutschland kamen. Es waren uns Vorbilder für ein neues besseres Deutschland. Ein Vermächtnis, was Lebenszeiten überschreitet.

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