Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Ein Buch vs. Praxis

06.05.2019, Haiko Hoffmann, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Ein Buch und die Praxis"
im Rostocker Blitz vom 05.05.2019

Wenn irgendwo in der Welt Hinrichtungen stattfinden, dann ist das schwerwiegend. Bestürzung besteht zurecht. 2531 neue Todesurteile in 54 Ländern im Jahre 2018 zeigen das nur zu deutlich. Auch im Falle von Iran und Saudi-Arabien. In letzterem waren die drei Minderjährigen im sog. Arabischen Frühling festgenommen und zusammen mit anderen, welche lediglich für Gleichberechtigung und einfache Grundrechte demonstriert hatten und von einem extra eingerichteten „Anti-Terror-Sondergericht“ in Riad im Eilverfahren abgeurteilt und nun, wie immer, unerwartet öffentlich enthauptet worden. Die 37 in Saudi-Arabien Hingerichteten waren fast ausnahmslos Schiiten aus der Ostprovinz Qatif, darunter auch die Minderjährigen. Im Falle der Minderjährigen aus dem Iran wurde diesen vorgeworfen, zwei Jahre zuvor geraubt und vergewaltigt zu haben. Sie sollen gefoltert worden sein. Sofern die Meldungen stimmen, ist in beiden Fällen davon auszugehen, dass ein rechtstaatliches Verfahren nicht stattgefunden hat. Details kennen wir nicht. In beiden Fällen ist aber bekannt, dass die Systeme autoritär sind. In autoritären Regimes dient Religion oder jede andere Weltanschauung (siehe China mit wohl mehr als 1000 Exekutionen oder Nordkorea, wo man gar nichts erfährt) als Machtinstrument. Rigide bis brutale „Auslegungen“ kommen dann zum Einsatz. Und wenn Minderjährige zum Opfer fallen, in beiden Fällen den Berichten zufolge sehr kurzfristig, eiligst, unerwartet und teils im Verborgenen, dann ist das um so schlimmer, zumal dies international geächtet ist.

Auch mich schaudert es vor solcher Glaubensauslegung. Und hier muss klar geschieden werden: Koran als Buch ist das eine, seine Auslegung durch Menschen bzw. Mächtige das andere. Somit sollte es statt „ein Buch und die Praxis“ vielleicht treffender „ein Buch vs. Praxis“ heißen. Begehen wir doch bitte nicht den Fehler, eine wie auch immer motivierte Auslegung zum allgemeinen Maßstab der Wertung einer religiösen Schrift zu machen. Denn dann müsste auch jede andere Hinrichtung in einem christlich geprägten Lande auf die Bibel zurückzuführen sein. Auf diese Grundlage zu verweisen käme aber wohl niemandem in den Sinn – zu recht, wie ich finde. Missbrauch lässt sich nicht rechtfertigen. Weder mit der Bibel noch mit dem Koran.

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