Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Ein Abend als Satire auf einen Abend?

22.03.2013, Dr. Karl-Heinz Stüfe

Gedanken zu einer verpatzten Tucholsky- und Kästner-Soirée.

Dass ein Saal sich füllt, dann aber auch in der ersten Pause sich zu leeren beginnt, sollte uns zu denken geben. Was war vorgefallen? Am Abend des 6. März fanden sich in der Orangerie des Hotels »Hafenresidenz« zahlreiche Besucher ein, die sich von den Namen »Tucholsky« und »Kästner« zu Recht angesprochen fühlten. Zu gut hatten beide Schriftsteller im 20. Jahrhundert das geschliffene Wort verwendet, um nach dem Schock des industrialisierten Völkergemetzels 1914-18 ihren Zeitgenossen in der ersten deutschen Republik den Spiegel vorzuhalten. Denken wir zuerst an Tucholsky, Antimilitarist und streitbarer Demokrat, der mit vier Pseudonymen seiner Vielseitigkeit Ausdruck verlieh: von der beißenden Zeitsatire über die Kunst- und Kulturkritik bis zum spöttischen, aber auch nachdenklichen Witzwort über das Individuum Mensch. Er schuf große Kleinkunst und liebenswerte, stets nachdenklich machende Reiseprosa. Es waren denn auch zumeist Besucher der Generation 30+ gekommen, hoffnungsvoll, weil sie »ihren Tucho« und dessen Zeitgenossen Erich Kästner zu sehr liebten, als dass sie auf einen Vortrag ausgewählter Texte beider Autoren verzichten wollten. Doch was geschah?

Ich habe in 65 Jahren meines Lebens niemals je einen durch den Programm Führenden (der sich hier wohl eher als »entertainer« verstand«), niemals einen musikalisch-literarischen Abend oder eine Veranstaltung erlebt, die auch nur annähernd das niedrige Niveau des ersten Teils der Präsentation »Tucholsky und Kästner« durch Herrn Kappich gehabt hätte. Der das Wort führende Herr, nicht immer faktensicher und schon im ersten Teil des Abends mit fehlendem Gespür für den Erwartungshorizont des Publikums, ließ nicht im entferntesten die erschreckende Aktualität der politischen Lyrik Tucholskys wie auch der Kästners anklingen: Beide klagten den Krieg an. Deshalb musste Kästner am Himmelfahrtstag 1933 mitansehen, wie seine Antikriegslyrik (»Habt ein bessere Gedächtnis!«) verbrannt wurde, Kästner wählte die »innere Emigration«.Tucholsky aber, ohnehin schwer krank, sah keinen Ausweg als den Freitod 1935 im schwedischen Exil. Tucholsky hatte einen scharfen Blick für jene gesellschaftlichen Zustände, die nach dem Krieg 1918 unbedingt hätten geändert werden müssen, damit »Nie wieder Krieg!« Wahrheit werde. Seine vier Pseudonyme zeigen seine Vielseitigkeit, die oft genug »lustig« klang, aber immer auch, wie im (erschreckend aktuellen) Gedicht »C‘est la vie!«, auf eine politische Pointe hinausliefen.(Insofern hätte das Gedicht nicht in den sogenannten »Erotik«-Teil 1 des Abends gehört.) Während der Abend in seinem ersten Teil im Stil eines Bierzeltgesangs »bereichert« werden sollte, wurde erster Unmut im Publikum spürbar. Etliche Zuhörer – man zahlte immerhin 9 EUR Eintritt – verließen enttäuscht und empört über die im ersten Teil völlig unbefriedigende, in keiner Weise auf die beiden großen Schriftsteller eingehende Vorgehensweise, mit der das Publikum auf niedrigstem Rummelplatz-Niveau unterhalten wurde. Die Geschäftsleitung des Hotels hatte sich zumindest bei der Speisen- und Getränkekarte um das leibliche Wohl der Gäste bemüht, doch war die Mehrzahl der Gäste sicherlich an dem interessiert,was literarische Kost betreffen sollte. Da aber stieß man auf ungelenkes, zum Teil sogar sachlich unverdauliches Menü des Vortragenden, das mehreren Besuchern schließlich sauer aufstieß, um im Bilde zu bleiben.

Viele Zuschauer, so meine ich, wären beim Blättern durch einen einzigen Band ausgewählter Texte besonders Kurt Tucholskys vom Blättern zum interessierten und amüsierten oder nachdenklich machenden Lesen gekommen; im Gegensatz zum Veranstaltungs-Fehltritt ein Schritt hin zur (unersetzlichen Köstlichkeit der...) Lektüre.

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