Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Die Zeit in Woserin

21.07.2011, Hilke Ruyter, Rosenheim

Auf der Reise durch das mir noch vorwiegend fremde Mecklenburg-Vorpommern, offen für eine Zeitreise in das alte neue Deutschland, leitete mich mein Navi nach Woserin.

»Oh«, dachte ich bei der behutsamen Fahrt über die durch Erdeinbrüche gelittenen alten mit Kopfstein gepflasterten und mit jungen Bäumen und wild gemischten Büschen gesäumten Zufahrtsstraße, »dies ist kein Durchfahrtsort«.

Die Häuser liegen locker und dann dicht an der Straße, unterschiedlich in dem, was sie an ihrer Geschichte »noch« preisgeben. Häuser auf der einen und alte Bäume auf der anderen Seite. Eine mir im Baustil noch nicht vertraute sehr gut restaurierte Kirche an einem gepflasterten Platz, der für kleine Dorffeste einlädt, werde ich mir später bestimmt genauer betrach­­­-

ten.

Dann sehe ich noch weitläufige Grundstücke, mit zum Teil inzwischen angenehm restaurierten Wohnhäusern und einem wunderschönen See, der mich an Finnland erinnert. Die Sonne scheint. Es ist schön hier.

Ich erfahre in den nächsten Tagen, wo es frische Eier gibt, wo und wie und was die Töpferin und der Korbflechter arbeiten auf ihrem Grundstück, das allein schon zu einem verwunschenen Roman animieren könnte. Auf einer weitläufigen Anhöhe bauen zwei Frauen einen ehemaligen LPG-Stall aus. Ein Guts­haus wird gerade renoviert und Christa Wolf bewohnt das schön gelegene alte Pfarrhaus gegenüber der Kirche. Schafe weiden. Dazu durchflutet leuchtendroter Mohn wie großzügig ausgeschüttet die Kornfelder.

Die Milchviehanlage passt jetzt nicht gerade in meine Schwärmereien, aber sie beeinträchtigt nicht meine positiven Wahrnehmungen.

Da werden eines Tages mehrere Flächen des Dorfpflasters aufgebaggert. Einige Dorfbewohner versammeln sich und der örtliche Bauamtsleiter erklärt, es müsse geprüft werden, ob der Untergrund fest genug sei, um Schwerlastverkehr zu tragen. Wenn nicht, solle das Pflaster raus und eine Teerstraße her. Wenn Zähne locker sind, müsse auch von Grund auf saniert werden und neue Zähne her, sagt er.

Ich bin erschüttert. Mein Einwand, diese alte Straße sei doch das Herzstück des Dorfes, ein Stück Seele, ein Kulturdenkmal und das besondere von Woserin, wird mit solch einer platten Begründung abgetan. Die Messungen sollen nun ergeben haben, dass die Dichte des Bodens in 50 cm Tiefe nicht geeignet sei, Schwerlastverkehr zu tragen ohne sich zu deformieren. Andererseits bekam ich die Auskunft, dass die Mehrheit der WoserinerInnen das alte Pflaster erhalten und reparieren will und seit über 12 Jahren dafür kämpft.

Dieses vielfarbige 150 Jahre alte Pflaster mit dem samtig schönen Glanz in der Dämmerung soll weggerissen und durch eine Teerstraße ersetzt werden. Ich kann nicht fassen, wieso nicht wenigsten das Pflaster innerhalb des Dorfes bleiben kann. Woher wird der Schwerlastverkehr kommen, der hier zur Durchfahrt verführt werden soll. Wie kann eine Gemeindevertretung es verantworten, ein so schönes ausdrucksvolles Dorf zu zwingen, langweilig zu werden.

Wie hohl ist unser Geschichtsbewusstsein, wenn nur das Neue wert hat.

Soll hier Die Zeitgeschichte in Woserin ausgemerzt werden?

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