Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Die Residenzstadt Schwerin

09.11.2012, Horst Zänger, Schwerin

Setzen wir in die Überschrift für Residenzstadt gleich (Landes-)Hauptstadt, für Großherzogliche Familie nun Landesregierung ein, so könnte nachfolgender Aufsatz, den der Schweriner Schriftsteller Hermann Strauß im Jahr 1907 verfasste, in vielem letztlich auch für heute stehen.

 

"Wie selten ein anderes Gemeinwesen, ist die Residenzstadt des Schweri­ner Fürstenhauses zwar durch seine Lage begünstigt, aber langsamer als bei einer anderen Stadt schreitet seine Entwicklung fort. Mehr als das, es ist Schwerin nie gelungen, sich wirklich ein Ansehen im Lande zu erringen. Rostock gilt als Metropole, von Rostock spricht man, das Schicksal Rostocks interessiert das ganze Land. Die heutige Stellung Rostocks im Lande muß der Residenz ein Ansporn sein, denn Rostock verdankt seine Stellung der Tätigkeit seiner Stadtverwaltung, der Tüchtigkeit seiner Bürger. Der Unterschied zwischen beiden Städten ist mit einem Wort gesagt: In Rostock ist Leben, Schwerin ist tot. (...)Wo aber steht geschrieben, dass eine Residenz tot sein muß? Schließlich kommt es soweit, dass der Gedankenlose es als eine Entweihung empfindet, wenn der Lastwagen über dasselbe Pflaster rumpelt, über das soeben der Gummireifen der Hofequipage federte. Mancher Mann der Stadtverwaltung fragt sich schließlich nicht mehr: was dient dem Wohl der Stadt, sondern: was sagt der Hof dazu? Sehr wohl lässt sich aber mit der Rücksicht auf den Hof das Wohl der Stadt vereinbaren... Wir haben aber bei jedem Schritt nach dem Hofmar­schallamte geschielt und sind dabei nicht vorwärts gekommen. Mit alledem soll keineswegs Rücksichtslosigkeit gegen die großher­zogliche Familie gepredigt werden. Wir müssen uns aber auf uns selbst besinnen, dürfen die Bürgerschaft nicht abhängiger machen, als sie zum großen Teil heute schon ist. Man kann auch nicht eine stille Residenz mit einem Schlage zur Industrie- oder Handelsstadt machen, man darf aber auch Industrie und Handel nicht hindern. Immerhin, die Zeit für diese beiden Erwerbszweige wird kommen. (...) Auch als Residenz- und Beamtenstadt ist Schwerin heute nicht mehr mustergültig. Man bezahlt heute seine Steuern für die schöne Umgebung, und die müßte eine Gratisbeigabe sein... Nun aber beging die Stadtverwaltung den Fehler, dass sie glaubte, sparsam zu sein, wenn sie kein Geld ausgÀbe. Eine ganze Reihe von Ein­richtungen, die der Fremde bei einer Residenzstadt von fast 50.000 Ein­wohnern als selbstverständlich voraussetzt, fehlt daher heute noch in Schwerin. Man hat sich nicht gerührt, und schon machen sich die Folgen bemerkbar: Schwerin geht zurück. Soll noch etwas geschehen, so ist es höchste Zeit. Die Bürgerschafft hat diese Notwendigkeit eingesehen, sie ist bereit, momentan weitere Opfer auf sich zu nehmen, wenn damit für die Zukunft eine Gesundung der Verhältnisse gewährleistet wird." Hermann Strauß in "Neues Wochenblatt". Schwerin, 19. Oktober 1907 (Nr. 7)

 

- Aber waren wir nicht schon einmal besser dran, Schwerin als Sport- und Kulturstadt mit Theater, Boxen und Handball in aller Munde? Wenn die heutige Landesregierung, die Reithalle des Marstalls als öffentliche Kultureinrichtung blockiert, Geld für eine aufwendige Umsetzung der Paul-Friedrich-Büste ausgibt, sich einen teuren neuen Plenarsaal leistet, so erwartet der Bürger eben solche Initiativen und ein Machtbewusstsein zu Gunsten des Erhalts von Errungenschaften und deren Mehrung für alle Bürger im eigenen Bundesland.

 

Wer aber für das Wohl wie Image und die Bekanntheit des Bundeslandes und seiner Hauptstadt sich zu wenig bemüht, keine Prioritäten setzt, muss sich nicht wundern, dass beispielsweise ein großer Teil der Bundesbürger nach 20 Jahren Vereinigung die Landeshauptstadt von MV nicht einmal beim Namen kennt! Wo findet Mecklenburg mit seinen Menschen im NDR-Fernsehen statt, kaum eine Sendung wird in Studios in MV produziert. Künstler, Sportler, auch Politiker in Talkshows und Gast in Gesprächsrunden, in denen man sich am besten bekannt macht, sind eine Rarität. MV findet kaum statt! Zum Nachdenken empfohlen von

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