Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Die DDR und das Weltgeschehen

05.11.2019, Haiko Hoffmann, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "in der Hand des Weltgeschehens"
im Schweriner Blitz vom 03.11.2019

Unabhängig davon, was man für alle und nicht nur für einen Teil der Menschen gut als Gesellschaftsordnung wünscht – momentan haben wir die Demokratie mit all ihren Unzulänglichkeiten, von der Churchill sinngemäß mal sagte, dass sie die schlechteste aller Gesellschaftsformen sei aber die beste gegenüber allem, was da bisher ausprobiert worden ist (was bis heute zutrifft)-, so würde man im Falle der DDR zu einem brauchbaren Resultat in der Debatte um eine gerechtere Gesellschaftsform ohne Kapitalismus nur kommen, wenn man anerkenne, dass die DDR in der Hand des Weltgeschehens gewesen sei.

Ja gewiss war sie das, so wie alle Gesellschaften dieser Welt in der Hand des Weltgeschehens schon immer lagen und liegen. Es ist nur die Frage, was man denn unter dem Weltgeschehen versteht. Schicksal? Geheime Mächte? Oder nicht doch eigenes Streben aller, aus dessen Summe die Dinge passieren? Naturgesetze? Göttliche Fügung? … Ich glaube eher nicht, dass ein Anerkennen dessen, was doch ohnehin niemand geleugnet hat, dazu führt, den Stein der Weisen zu finden. Die DDR war sowohl Spielball der Mächte als auch Eigenakteur.

Die DDR-Führung meinte besser zu sein und hat’s doch vergeigt. Sie meinte den neuen Menschen zu bekommen und setzte auf soziale Befriedigung entsprechend ihrer Möglichkeiten. Doch das allein macht ohne politische Grundrechte, d. h. Menschenrechte nicht frei. Denn sowohl Mauer, Stacheldraht, Stasi und Volkslenkungsversuche, um die Menschen allesamt in die gleiche Richtung gehen zu sehen, haben am Ende trotz allerlei sozialer Vergütungen und Programme nichts genützt. Die Menschen wollten frei sein, nicht nur materiell. Jeder hatte da vielleicht seine eigene Definition von Freiheit. Aber wo Bevormundung subtil oder offen wirkt, bleibt es nicht aus, das die Menschen das irgendwann merken und irgendwann nicht mehr wollen, wie sie sollen. Dann können irgendwann diejenigen, die das Sagen haben, nicht mehr können wie sie wollen. Wurde uns das in der DDR nicht als Definition einer revolutionären Situation beigebracht? Und was haben diejenigen getan, die nicht mehr wollten wie sie sollten? Sie haben genau das gewählt, worüber wir heute klagen. Wissentlich, nicht durch ein imaginäres Weltgeschehen gelenkt sondern durch eigenes Handeln. Es war des Volkes Wille. Klar, da haben auch westdeutsche Granden mitgespielt. Nicht in Westdeutschland aber ertönte der Ruf „Wir sind ein Volk!“, nachdem der erste Ruf „Wir sind das Volk!“ verhallt war. Waren es denn nicht so viele DDR-Bürger, die die D-Mark unbedingt wollten? Es waren keine imaginären Verschwörer. Es waren die vielen Leute, die das gefordert hatten. Westliche Staaten hatten sogar Sorge, dass Deutschland wieder zu stark werden könnte. Am Ende ist es überhaupt nicht relevant, ob man anerkennt, dass die DDR in den Händen des Weltgeschehens gewesen ist oder nicht. Ich denke, man muss die Realität anerkennen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Jeder Einzelne für sich uns die Seinen und seine Nachbarn. Ein Stück Gerechtigkeit selber schaffen, nicht drauf warten, dass einem wieder irgendwelche Granden das Brot liefern. Selber backen! In einer offenen Gesellschaft, in der man bereit ist, Verantwortungen zu übernehmen und nicht nur auf die da oben zu schimpfen – und selber außer Klagen und Schimpfen nichts zustande bringen. ohne Hass, sondern mit Mut und Verstand. Und erst dann wird Wirklichkeit, was längst überfällig ist: Wahre Aufklärung, die seit Immanuel Kant schlicht fordert, den Mut zu haben, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen und nicht anderen hinterher zu plappern und zu laufen.

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