Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Die BRD

20.01.2016, Siegfried Spantig, Hagenow

Unlängst kurbelte ich wieder einmal am Fernseher, um ein schönes Abendprogramm zu finden. Da tappte ich in eine Sendung, die sich mit der Kriegsgefangenschaft in der SU befasste. Ein abgemagerter, älterer Herr erzählte Märchen darüber.

Ich bin am 18. September 1949 in Kronenfelde entlassen worden. Vier Lager hatte ich hinter mir, das letzte war so weit im Osten gelegen, dass man die Berge des Urals von da aus betrachten konnte, wo die Sonne aufgeht. Das war nahe dem Schnittpunkt des 60. Längen- und 60. Breitengrades. Bei Schneesturm oder über 40 Grad Kälte durften wir uns auch am Tage lang machen. Im Sommer gehörten uns Wald und Steinbruch. Morgens wurde am Tor eingeschärft, nicht das Wiederkommen um 16 Uhr zu verpassen. Natürlich verpassten wir nie, denn Mittagessen gab es immer nur abends, wie bei den Soldaten der heimischen Feldpostnummer. Bei den Arbeitsnormen wurden wir jedoch wie Zivilisten behandelt: drei Raummeter Holz oder eineinhalb Raummeter gebrochener Kalkstein pro Tag. War die Sonne etwa eine Stunde über ihrem Höhepunkt, hatten wir Feierabend und bekamen für diese Leistung in der letzten Zeit auch noch Rubel. Mitleidig war die Russenseele, denn hin und wieder hieß es tröstend: Bald nach Hause! Aber bei den Russen ist »bald« scheinbar eine lange Zeit. Auf jeden Fall: Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich eine Volksbefragung machen und fragen: Seit wann gibt es den Antikommunismus? Was ist das Ziel des Antikommunismus? Gab es den Antikommunismus auch in der NS-Zeit? Wer hat nach dem Krieg die Antikommunisten gehegt und gepflegt, die DDR oder die BRD?

Siegfried Spantig, Hagenow

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