Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Die älteste Sozialsiedlung der Welt

12.04.2019, Winfried Schwarzer, Rostock

Rostock benötigt dringend bezahlbaren Wohnraum. Mir fällt bei diesem Thema immer wieder die Fuggerei in Augsburg ein. Dort existiert ein vorbildliches Beispiel für sozialen Wohnungsbau. Bereits 1516 bis 1523 erbaut, betrug damals die Jahreskaltmiete für eine Wohnung von etwa 60 Quadratmeterin einen Rheinischen Gulden. Heute entspricht der nominelle, inflationsunbeachtete Wert eines Rheinischen Gulden 0,88 Euro. Die Nebenkosten betragen für die Mieter 85 Euro im Jahr.

Bedingung für eine Wohnung in der Fuggerei damals war u. a. neben der bereits erwähnten Jahresmiete: unverschuldet in Not geraten zu sein, täglich dreimal für die Familie Fugger zu beten und dem katholischen Glauben anzugehören.

Die Differenz zur Erhaltung der Wohnungen wird aus Erträgen des Stiftungsvermögens – aus Immobilien sowie aus der Land- und Forstwirtschaft – bis in die Gegenwart gesichert.

Auf die 0,88 Euro Jahreskaltmiete, die 85 Euro Jahresnebenkosten, die drei täglichen Gebete und den katholischen Glauben lässt sich gewiss regulierend Einfluss nehmen. Die Frage bleibt nur, ob sich private Investoren oder der Staat eine solche Investition zutrauen und leisten können. Vor fast 500 Jahren war es möglich.

Bei der ganzen Wohnungsfrage sollte immer bedacht werden, dass eine Wohnung zu den menschlichen Grundbedürfnissen gerechnet wird. In der Erklärung der Menschenrechte durch die UNO vom 10.12.1948 ist deshalb auch das Recht auf Wohnung als soziales Grundrecht aufgenommen. In der Bundesrepublik Deutschland und auch in Mecklenburg-Vorpommern ist ein Recht auf eine Wohnung bis heute nicht einklagbar. Den Menschen unseres Staates wird im Grundgesetz kein Recht auf eine Wohnung zugebilligt. Die Formulierung „Jeder Bürger hat das Recht auf Wohnraum für sich und seine Familie entsprechend den volkswirtschaftlichen Möglichkeiten und örtlichen Bedingungen.“ stammt aus der Verfassung der DDR.

Ob Recht oder kein Recht auf eine Wohnung sei erst mal dahingestellt. Fakt ist: Rostock braucht mehr Wohnraum und besonders dringend im mittleren und unteren Preissegment. Den Bedarf an Einfamilienhäusern mit privaten Eigentümern abzudecken wird, selbst wenn es genügend Interessenten gäbe, schon auf Grund des fehlenden Baulandes nicht möglich sein. Also müssen Mehrfamilienhäuser mit bezahlbaren Mieten gebaut werden und die Wohnungsgenossenschaften beweisen, dass bedeutend geringere Grundmieten als von vielen privaten Vermietern gefordert, ohne Verlust zu machen, möglich sind. Wohnraum zum Spekulationsobjekt zu machen zeugt m. E. von einem schlechten Charakter.

 

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