Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Deutsch wird nur reicher

06.07.2012, Otto Ringel, Hagenow
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "What the hell? Das war gefailt!"
im Schweriner Blitz vom 24.06.2012

Dass Jugendliche in ihrer Umgangssprache verstärkt englische Wörter benutzen, ist heute selbstverständlich. Caspar, Kimberly und Saskia sagten jugendlich, frei und forsch ihre Meinung zu diesem Thema. Finde ich gut, auch cool!

Einige Gedanken von mir dazu.

Im »Spiegel« war bereits 2006 zu lesen »Der Parasit ›englisch‹ hat das Wort ›deutsch‹ überfallen, geht vollständig darin auf und lässt gerade noch das leere, leblose Gehäuse in Form eines ›D‹ übrig.«

Wer auf der Höhe der Zeit sein will, bedient sich englischer Wörter. Die Flucht ins Englische gaukelt jedoch manchmal nur Fortschritt vor und bietet scheinbar mehr Sicherheit. Nach der Wende machte sich eine tüchtige Handelsfrau bei uns selbstständig. Ihren drei Geschäften gab sie englische Namen: Shoe Line, Dress point und Joung fashion. Die englischen Namen retteten sie nicht; nach ein paar erfolgreichen Jahren, musste sie dennoch Insolvenz anmelden.

Man wirft heute mit den Begriffen Anglizismus und Denglisch um sich, ohne sich um die Unterschiede zu kümmern.

Anglizismen sind aus dem Englischen stammende Fremdwörter. Etwa 80 Prozent der Anglizismen, so schätzt man, haben lateinische, griechische oder romanische Wurzeln.

Denglisch dagegen ist ein so genanntes Kofferwort, das sich aus Deutsch und Englisch zusammensetzt. In einer Leitlinie des Vereins Deutscher Sprache werden 84,5 Prozent der rund 4600 Anglizismen als verdrängend eingestuft. (Sprachreport 3/­2002) Längst gibt es ein »Wörterbuch überflüssiger Anglizismen«. Um den Einfluss von Anglizismen auf die französi-

sche Sprache einzudämmen, hat Frankreich mehrere Gesetze erlassen. Ähnliche Sprachschutzgesetze gibt es in mehreren europäischen Staaten. Bedauerlich ist, dass der übermäßige Zu-strom von Anglizismen zu Verstehens- und Verständigungsproblemen, besonders bei älteren Menschen führt. Nach Art. 3, Abs. 3 des Grundgesetzes der BRD darf niemand wegen seiner Sprache benachteiligt werden!

Wir sollten nicht verkennen, dass unsere Sprache durch die Übernahme treffender Ausdrücke aus anderen Ländern auch eine Bereicherung erfährt. Manche Begriffe haben inzwischen einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Wir kennen den Girls’Day (Mädchentag klingt zu »langweilig«) Aus dem JungsTag wird der Boys’Day. Wird der Frauentag bald vom Womens’

Day abgelöst werden?

»Kaffe to go« stammt nicht aus Togo, sondern ist Kaffee zum Mitnehmen, manchmal auch zum Davonlaufen. Airbag mit Luftsack oder Windbeutel zu übersetzen, wäre allerdings übertrieben.

Mein Credo: Ich glaube nicht, dass der deutschen Sprache ein Burnout droht. Die mit Angli-

zismen und Neologismen überfrachtete deutsche Sprache ist nicht ausgebrannt, hat sich nicht

verausgabt oder erschöpft. Unsere Sprache ist lebendig, auch wenn sie von mehreren Seiten bedrängt wird. Wir wollen sie ja nicht konservieren, sondern weiterentwickeln. Ich liebe die deutsche Sprache, der Vielfalt und Ausdruckskraft und Schönheit. Deutsche Muttersprache, wohlklingende Sprache der Liebenden, hart klingende Sprache der Herrschenden, oft missbraucht, gedemütigt, verstümmelt und verdrängt, aber vom Volke geliebt und geachtet. Sprache der Dichter und Denker, Sprache der Bauern und Arbeiter, Sprache der Kunst und Wissenschaft und unersetzliches Verständigungsmittel für über 100 Millionen

Menschen. Du bist nicht tot, du bist gesund und lebst, wandelst und veränderst dich, du wirst Bestand haben und die Zeiten überdauern, wenn wir dafür sorgen.

 

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