Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Der Kaiser ging ...

20.02.2018, Horst Dobbrick, Schwerin

Zu »Glück ist kein eigener Verdienst«, 11. Februar, Seite 2.

Der Artikel macht zu Recht deutlich, wie unterschiedlich die Geschichte der beiden deutschen Staaten (und ihrer Vorgänger, den Besatzungszonen) bis heute behandelt wird. Während es für die Geschichtsaufarbeitung des Ostens die verschiedensten staatlichen und öffentlichen Gremien und Einrichtungen gibt, bleibt es, bis auf einige aktuelle Erscheinungsformen, für den Westen bei der alten politischen Klischeevorstellung. Dabei drängen sich gegenwärtig doch eine Vielzahl von Fragen auf. In der Tagespresse werden täglich 30 DAX-Unternehmen aufgeführt. Davon sind 16 Namen z.T. von Kaiserzeit über Weimarer Republik und NS-Zeit als aktiv bekannt. Nach dem 1. Weltkrieg gab es den Spruch »Der Kaiser ging, die Generale blieben«. Für die westlichen Besatzungszonen könnte nach dem 2. Weltkrieg somit lauten »Der Führer ging, die Wehrwirtschaftsführer (Industrie- und Finanzkapitäne) blieben! Beispiel: Hermann Abs als Chef der Deutschen Bank. In den 20/30er Jahren Finanz­organisator für die NSDAP, in den 50er Jahren Finanzberater Konrad Adenauers. Aber Kapitäne benötigen für die Durchsetzung ihrer Interessen entsprechendes Personal. Ergo traten die bisherigen Fachleute aus Politik, Wirtschaft, Pädagogik, Polizei bis Justiz nach der Entnazifizierung, wobei man sich gegenseitig entnazifizierte und Persilscheine ausstellte, als Demokraten oder Liberale in die neue Ära ein und baute sich nach westalliierten Vorgaben auf. Dazu gab es auch aus internationaler Sicht Druck und Unterstützung der westlichen Besatzungsmächte, denn in Westeuropa, vornehmlich in Italien, Frankreich, Belgien, gab es starke kommunistische Bewegungen, während in Westdeutschland der Antikommunismus präsent war und auf der Basis der Kriegs- und Nachkriegsfolgen im deutschen Osten ausgebaut werden konnte. Genug der Fragen- und Deutungskomplexe. Abschließend aber eine interessante Überlegung: Mit der Währungsreform wurde am 20.6.1948 in den Westzonen (Trizone) die D-Mark eingeführt. Aber bereits Mitte November 1947 traf in Bremerhaven das erste Schiff mit in den USA gedruckten Banknoten ein.

Horst Dobbrick, Schwerin

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