Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Der große Fehler des Sewan Latchinian

01.04.2015, Andreas Roger, Rostock

Herr Latchinian hat sich aus Sicht des Oberbürgermeister Methling und einer Mehrheit im Hauptausschuss der Rostocker Bürgerschaft als Fehlgriff für die Intendanz des Rostocker Volkstheaters erwiesen. Mit seinem überaus erfolgreichen Start in die Spielzeit 2014/2015 hat er allen Argumenten für eine Amputation des Vier-Sparten-Theaters den Boden entzogen. Und anders als von ihm erwartet hat er nach Übernahme des Hauses auch keinen Egoismus für seine eigene Domäne – das Schauspiel – entwickelt, sondern mit dem 1. Stapellauf gezeigt, wie wichtig alle vier Sparten sind und was sie gemeinsam auf die Beine stellen können. Wie soll man nun noch argumentieren, dass Zuschüsse für dieses Theater, in das niemand geht, nicht mehr tragbar seien? Da kam ein „unbotmäßiger“ Vergleich gerade recht, diese unerwartete und sehr ungelegene Erfolgsgeschichte schnellstens zu beenden.

Übrigens, schon allein die Entscheidung, sich für die Intendanz des Theaters in Rostock zu bewerben, zeugt von einem von Leichtsinn schwer zu unterscheidenden Mut. Wie viele Intendanten hat die Stadt seit der Wende verschlissen? Wie viel Steuergeld ging in Abfindungszahlen statt in die Löhne und Gehälter für Bühnenarbeiter, Beleuchter, Mitarbeiter der Theaterkasse, und nicht zu vergessen das künstlerische Personal? Auch in diesem Fall wird es so sein. Die Gründe für den Rausschmiss werden bei der zu erwartenden arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzung auch dieses Mal keinen Bestand haben. Das ist den Verantwortlichen selbst klar und wird sehenden Auges in Kauf genommen. Dieses Geld wird bei der nun unvermeidlichen Abwicklung des Volkstheaters ja nun eingespart.

39 % der wahlberechtigten Rostocker haben sich 2012 zur Wahl des Oberbürgermeisters aufraffen können, davon haben 53,8 % Herrn Methling gewählt. Ist das wirklich eine demokratische Legitimation für so eine weitreichende und für die kulturelle Entwicklung der Stadt und des Umlandes so verhängnisvolle Entscheidung?

Wie soll es nun weitergehen? Hat Herr Latchinian das Theater zerstört, wie der OB behauptet? Oder wird das Theater durch eine Politik zerstört, die wahrlich zu Politikverdrossenheit einlädt? Wer soll sich nun noch bewerben für die Intendanz eines Stadttheaters, in der die Mehrheit der Stadtvertreter dieses Theater nicht will? Wenn man kein „botmäßiger“ Abwickler sein will – muss man dann naiv oder wahnwitzig sein, um sich in die Hansestadt zu wagen, wo es anders als in der Landeshauptstadt keine ausreichend starke Lobby im Stadtparlament und in der Stadtverwaltung für das städtische Theater gibt? Ist das einer Universitätsstadt und der größten Stadt des Landes würdig? Ich bin seit meiner Geburt, seit 1958, Bürger dieser Stadt und war immer stolz auf sie. Das erste Mal habe ich mich 1992 wegen der ausländerfeindlichen Ausschreitungen geschämt, Rostocker zu sein. Jetzt habe ich das zweite Mal Grund dafür.

Ist das auch ein „unbotmäßiger“ Vergleich? Aber als Bürger der Stadt und als Wähler kann ich wohl nicht vom Hauptausschuss der Bürgerschaft gekündigt werden?

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