Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Den Realitätssinn bewahren

03.03.2019, Wolfgang Mengel, Stralsund

Es geht nicht um Putinversteher, Links oder Rechts, sondern um den gesunden Menschenverstand. Bei den vielen Diskussionen zur derzeitigen politischen Lage und dem Verhältnis des Westens und der USA zu Russland geht es auch nicht um die Reinwaschung der ehemaligen Sowjetunion und des heutigen Russlands. Es gibt wohl auch heute kaum ein Land, das in seiner Innen- und/oder Außenpolitik völlig problemlos daherkommt. Stalin hat sich großer Verbrechen im eigenen Land schuldig gemacht, andererseits hat er Europa vor dem Faschismus bewahrt. Der „Kalte Krieg“ war geprägt von den beiden Machtsystemen, die die jeweils führenden Staaten (USA und UdSSR) aufrecht erhalten und eine mögliche Vergrößerung ihres Einflussbereiches gegenseitig verhindern wollten. So kamen einerseits die Eingriffe der Sowjetunion in mögliche konträre Entwicklungen in den Warschauer Vertragsstaaten zustande, auch Afghanistan ist hier einzubeziehen, aber auch die nachhaltigen Beteiligungen der USA im Korea- und Vietnamkrieg. Nicht zu vergessen ist, dass mit Gorbatschow eine grundsätzliche Wandlung eingetreten ist. Er hat die Wende, die deutsche Einheit und den INF-Vertrag ermöglicht. Der Zerfall der Sowjetunion und auch Russlands ist nicht nur, aber zunächst ein zutiefst inneres Problem des Landes. Dass nun Russland aufgrund seiner Historie, territorialen Größe und ökonomischen Reserven nicht Spielball der Weltgeschichte sein will, ist wohl nur allzu verständlich. Nach der Einheit Deutschlands wurde Russland zugesagt, dass es eine Osterweiterung der NATO nicht zu befürchten habe. Leider nicht einmal Papierkram, da nichts schriftlich festgehalten und der Militärpakt wortbrüchig wurde. Die EU und die NATO bemühten sich unter starker Einflussnahme der USA um eine Einbeziehung der Ukraine in ihren Einflussbereich, um damit unmittelbar an die Grenzen Russlands zu gelangen. Die Ukraine ist in sich gespalten, der N/W tendiert zur EU, der S/O zu Russland. Und so ist Russlands Verhalten in dieser Frage kein Angriff auf die Ukraine, sondern eine Reaktion auf die vom Westen ausgelösten Entwicklungen. Das Krimproblem ist ähnlich gelagert, für die „Schenkung“ durch Chruschtschow gibt es keine schriftliche Grundlage. Man erinnere sich dabei auch an die Reaktionen der USA bei der Kubakrise! Und die Politik der USA ist auch bekannt: Die Ursache des Vietnamkriegs war getürkt, die des Irakkrieges beruhte ebenso auf einer falschen Kriegsbegründung, und für die Atombombenabwürfe im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki bestand aus meiner Sicht keine militärische und kriegsentscheidende Notwendigkeit, auch wenn dieses Problem mitunter konträr diskutiert wird. Für die zig-Tausenden Toten und Verletzten in Japan und die drei Millionen Toten in Vietnam hat die USA offiziell niemand verurteilt. Und der Afghanistankrieg der USA seit 2001 ist eine Reaktion auf 9/11, was wieder viele unschuldige Zivilisten mit ihrem Leben zu bezahlen haben.

Polen und das Baltikum haben nichts zu befürchten ( auch wenn zugegebenermaßen aufgrund der furchtbaren Ereignisse im 2. WK in Chatyn Polen hier eine nachzuvollziehende Haltung zeigt), aber deren vom Westen gepuschte Angst wird genutzt, um derzeitig in jeder Lebenslage gegen Russland zu hetzen. Und das alles nur deshalb, weil die USA ein Zusammengehen Europas und vor allem Deutschlands mit Russland, koste es, was es wolle, verhindern wollen. Und dafür gibt es genügend Beispiele, nicht nur Nordstream 2. Und so wäre es sehr wünschenswert, sich bei all diesen komplizierten Gegebenheiten den Realitätssinn zu bewahren. Und diese dauernden und gezielten Beschuldigungen Russlands entbehren auch jeder Verhältnismäßigkeit!

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