Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

DDR und Stasi

14.05.2019, Haiko Hoffmann, Schwerin
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "„DDR und Stasisyndrom“ im Nordmagazin!"
im Rostocker Blitz vom 05.05.2019

Herr Niemann aus Rostock hat seine eigene Sicht auf die Dinge. Das ist legitim. Man kann die Dinge aber auch anders sehen. Öwers, wat hem de Lüd blots ümmer mit dem Senner?

 

Zum Beispiel, dass der von ihm gescholtene Gauck alles andere als inaktiv in Sachen Wende gewesen ist. Entgangen ist wohl, dass Herr Gauck führendes Mitglied des Neuen Forums seiner eigenen Heimatstadt war. Das Neue Forum Rostock hat nicht nur hinterm Ofen gesessen.

 

Auffällig ist, dass Egon Krenz fast schon als Held beschrieben wird, während Günter Schabowski tragisch-unfreiwillig Initiator einer „Konterrevolution“ gewesen sei. Die Menschen, die sich an den Grenzübergangsstellen versammelt hatten, damit quasi zu Konterrevolutionären zu machen, ist schon allerhand.

 

Jenes „umsichtige Verhalten“ der Grenzer war in Wahrheit Hilflosigkeit („Wir fluten jetzt!“), Befehlskettenverlust, die letzte und wohl größte versuchte aber gescheiterte Ausbürgerungsaktion - Stempel in den Ausweisen sollten dazu dienen, dass man nicht mehr zurückkommen durfte – und vielleicht auch eine gewisse Sympathie für die Leute, deren Tränen manchen Grenzer gerührt hatte. Die weiblichen „Konterrevolutionäre“ haben die Grenzer zuweilen überrumpelt – mit Umarmung und Kuss auf die Wange, welches manch Uniformierten lächeln ließ. Dass die Grenzer ruhig geblieben sind, hat natürlich dazu beigetragen, dass alles gut verlief. Eine Eskalation wäre nur passiert, wenn die Grenzer überreagiert hätten. Gefahr ginge aber nicht von den Leuten sondern von den Grenzern aus. Wenn die lahmgelegte Befehlskette funktioniert hätte, wären womöglich Befehle gekommen, die alles verändert hätten. Befehle blieben jedoch aus, so dass man vor Ort nach Zögern die Schleusen selbständig geöffnet hat. … Eine derart fröhliche Konterrevolution hat die Welt noch nicht gesehen!

 

Der Angriff auf die Stasiunterlagenbehörde ist vage und polemisch und lässt nur erahnen, warum gesagt wird, dass diese Behörde angeblich sich „immer wieder“ (besser „hin und wieder“) „selbständig“ (wie furchtbar!) in den Vordergrund drängele etc. Es wird ausgeblendet, dass es nicht um die Mitarbeiter der Behörde sondern um das Wirken der Stasi geht, ein wesentlicher Faktor des DDR-Systems, als "Schild und Schwert der Partei". Dass diese Behörde existiert, gefällt nicht jedem.

 

Dem Nordmagazin Unsachlichkeit und fehlende Objektivität vorzuwerfen unter Einstufung kritischer Beleuchtung von DDR-Geschichte und Stasi als Krankheit und man daher den Arzt anrufen solle, zeugt davon, wie sachlich und objektiv der Autor selber ist.

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