Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Das Wort des Jahres

10.01.2017, Hartwig Wischendorf, Schwerin

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat das Adjektiv „postfaktisch“ zum Wort des Jahres gemacht, weil es angeblich die öffentliche Diskussion geprägt hat. Doch diese lateinische Wortschöpfung ist vielleicht von einigen Politikern und Journalisten verwendet worden, im allgemeinen Sprachgebrauch war davon nichts zu hören. Latein ist schließlich nicht so weit verbreitet, dass sich das Wort von selbst erklärt. Frau Merkel hat es in die Diskussion gebracht und damit wohl gemeint, dass diejenigen, die ihre Politik kritisieren, sich nicht an Fakten halten, sondern einem unbegründeten Gefühl der Bedrohung folgen würden.

Wer auf die Defizite der Flüchtlingspolitik hinweist, reagiert demnach irrational und betreibt Panikmache, von der nur die „rechtspopulistische“ AfD profitieren würde. Die offenen Grenzen und der Kontrollverlust im Innern des Landes – alles kein Problem. Die Attentate von Würzburg, Ansbach und Freiburg, der Terroranschlag von München, die Vorkommnisse in der Silvesternacht – kein Grund zur Besorgnis. Die ausufernde Belastung der Sozialsysteme, die Kosten für den Unterhalt der Flüchtlinge und die oftmals wirkungslosen Integrationsbemühungen – alles halb so schlimm, wir schaffen das. Die Regierung nährt weiterhin die Illusion, die Verteilung der Flüchtlinge in Europa könnte nach Frau Merkels Vorstellungen geregelt werden. Man gibt zu, nicht alle aufnehmen zu können, ist aber nicht bereit, in irgendeiner Form Kapazitätsgrenzen zu definieren. Dazu eine zumeist unkritische Berichterstattung bei der die Grenze zwischen Bericht und Kommentar nicht mehr erkennbar ist. Und nun, dazu passend, dieses Wort des Jahres mit besten Grüßen an die Frau Bundeskanzlerin. Frau Merkel sollte sich bei der GfdS dafür bedanken.

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