Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Bittere Erfahrungen

02.01.2017, K. Holgerson, Hagenow

Das Jahr 2016 nähert sich dem Ende. Viele werden zufrieden zurückblicken auf das Erlebte und Geschaffene, aber leider nicht alle. Die Erinnerung schmerzt. Sie wurden belogen, schikaniert, ausgenutzt, gedemütigt, vorgeführt, beleidigt, verleumdet, ihnen wurde das Selbstwertgefühl und die Würde genommen, und sie wurden daran krank, verloren ihre Arbeit. Einige Lebenswege lernten wir kennen in den 20 Treffen der SHG für Mobbing-Betroffene in Hagenow.

Aus den Schilderungen der Hilfesuchenden wurde deutlich, wie schnell und aufgrund welcher Motivationen Menschen bereit waren, ihre Mitmenschen fallenzulassen, sich von ihnen zu distanzieren. Durch das gezielte Schüren von Ängsten wurden sie erpressbar, wurden stillschweigend und ausharrend selbst zum Mittäter und Mobber. Nicht jeder konnte nach einem Mobbing-Tag über die Stadt-, Landkreis- oder Landesgrenze verschwinden. So stand man sich gegenüber im Supermarkt, im Wartezimmer, beim Friseur oder einer Festivität. Manch einer hat den Mobber als Nachbarn oder wohnt in Nähe der Firma, die er verlassen musste. Täglich sieht er Kollegen oder Mitarbeiter, die jetzt den Kontakt scheuen, kaum mehr grüßen oder ausweichend mit rotem Kopf (hoffentlich sich schämend) schnell Deckung suchen. Diese psychisch zersetzende Situation muss nicht nur der Mobbing-Betroffene aushalten, sondern seine ganze Familie. Am schlimmsten ist es für die Kinder. Niemand kann ihnen das erklären, was sich da abspielt.

Ihnen lässt sich schwer vermitteln, dass gute Leistungen kein Garant mehr sind für einen gut bezahlten, sicheren Job. An Beispielen wurde deutlich, was als „zumutbare Arbeit“ gewertet wird. Da braucht man sich über fehlende Motivation bei jungen Arbeitssuchenden und deren Frust nicht wundern. Herkunft, persönliche oder familiäre Beziehungen ermöglichten oft den Aufstieg, nicht die fundierte Ausbildung und erworbene Qualifikation.

Wohl dem, der familiären Rückhalt hat oder noch in der Lage ist, sich Hilfe bei Behördenpost zu holen, wohlwissend, dass es nur darum geht, die Sperre bei den Sozialleistungen zu verhindern. Leider machte das Mobbing nicht Halt vor Menschen mit Behinderung, auch nicht vor sozial Benachteiligten. Schikanöses Verhalten durchsetzte selbst Kreise, die sich Hilfe und Integration ins Statut geschrieben haben. Ratsuchende kamen aus den produzierenden Unternehmen, genauso wie aus Landes- und Finanzverwaltungen.

Die Erfahrungen in 2016 lassen annehmen, dass der beklagte Fachkräftemangel keiner ist, sondern schlicht die fehlende Bereitschaft des Aufeinanderzugehens, des Miteinander- und Voneinander-Lernens, fehlender Toleranz, fehlende Anerkennung und Akzeptanz von Erfahrungen. In so einem Klima gedeiht Mobbing besonders gut. Da liegt der Grund für Fluktuation und Krankenstand im eigenen Haus. Leider war in den uns bekannt gewordenen Fällen Mobbing dort am ausgeprägtesten, wo am lautesten verkündet wurde: „Bei uns gibt es kein Mobbing“.

Ein sehr erkenntnisreiches Jahr liegt hinter uns, was die Bedeutung und Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit in der Region ausmacht. Bedauerlicherweise liegt der Fokus bei der Arbeit der Selbsthilfegruppen vorrangig in der Reparatur gesundheitlicher Beeinträchtigungen, weniger in der Prävention. Wir vermissen die gesellschaftliche Verantwortung für die körperliche und psychische Unversehrtheit von Arbeitnehmern, Klienten, Mandanten, Patienten. Blenden wir weiterhin die Thematik Mobbing aus, schicken wir unsere Kinder und Enkel in eine Welt, die sich in vielerlei Hinsicht rückwärts entwickelt. Das, was unsere Vorfahren auch für uns erkämpft haben, opfern wir sehenden Auges.

Wir möchten uns bei allen, die uns in unserer ehrenamtlichen Arbeit in diesem Jahr unterstützt haben sehr herzlich bedanken.

Frohe Weihnachten und einen guten Start ins Jahr 2017 wünscht die

SHG Mobbing-Betroffene Hagenow

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