Mecklenburger Blitz Verlag

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Bildung, ein "hohes" Gut?

17.06.2016, Brigitte Schneider, Warnemünde

Als ehemalige Lehrerin interessiere ich mich selbstverständlich noch heute für Bildung und Erziehung und die entsprechende Politik in unserer Gesellschaft. Nicht zuletzt auch, weil ich mittlerweile schulpflichtige Urenkel habe, wodurch ich einiges »praxisnah« erleben kann. Neulich las ich in meiner Tageszeitung, dass Unternehmen nicht nur über freie Lehrstellen und mangelhaftes Fachwissen der Auszubildenden, sondern auch über lückenhafte Kenntnisse in Mathematik und Deutsch klagen. Darüber hinaus sei auffällig, dass viele Jugendliche Defizite bei Disziplin, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit haben. Und nun kommt die Lösung des Problems: Laut DIHK (Deutscher Industrie- und Handelskammertag) haben sich 75 Prozent der Ausbilder darauf eingestellt und die Anforderungen an Lehrlinge gesenkt. Weil sehr viele Schulkinder übergewichtig sind und die Zensuren für Sport dementsprechend schlechter ausfallen, soll es möglich sein, Lauftempo, Sprunghöhe und -weite und andere Normen zu verringern, um die gewünschte Bewertung zu erreichen. Ein Disput mit meinem Urenkel endete für mich mit einer Niederlage und mit einer neuen Erkenntnis. Er hatte Recht bei der »Errechnung« seines Leistungsdurchschnitts. Ich kam auf 2,7, er auf 2,4. Ich zweifelte an den Fähigkeiten meines Mathematiklehrers, fürchtete aber auch, dass mein Denkvermögen altersbedingt nachgelassen haben könnte. Wie konnte ich auch wissen, dass er zwei Nebenfächer mit schlechten Noten aus der Berechnung weglassen kann. Meine Bedenken, dass es sich dabei doch um Selbstbetrug handelt, versuchte er mit einem Lächeln abzutun.

Tröstend ist, dass Mängel und Schönfärberei nicht in allen Bundesländern gleichermaßen vorkommen, aber leider auch nicht das Positive. Denn Bildung ist schließlich Ländersache und Ausdruck der innerstaatlichen Demokratie. In unserer kapitalistischen Gesellschaft hat die Profitmaximierung um jeden Preis das Primat und Bildung und Kultur bleiben auf der Strecke. Es fehlt nicht nur ein einheitliches Bildungssystem, es ist auch nicht die erforderliche Anzahl an Personal in diesem Bereich vorhanden. Und ich meine damit nicht nur Lehrer. Reicht es unseren verantwortlichen Politikern eigentlich aus, wenn Deutschland in der Welt durch seine ökonomische Potenz, als drittgrößter Waffenexporteur und als »militärischer Mitmischer« in Kriegsgebieten in der ganzen Welt auf sich Aufmerksam macht? War nicht auch mal die Rede davon, dass Deutschland ein Land der Dichter und Denker ist (war)?

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