Mecklenburger Blitz Verlag

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Bedingungsloses Grundeinkommen - Segen oder Fluch?

23.11.2015, Ralf Salomon, Rostock/ KTV

Die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen scheint sehr verlockend. Ich möchte aber auf die wissenschaftliche Studie von Wiener Soziologen "Die Arbeitslosen vom Marienthal" (von 1933) hinweisen. Darin wurde zunächst festgestellt, dass Langzeitarbeitslosigkeit zur Resignation und nicht zum Antrieb zur Selbstverwirklichung führte. Ein Grundeinkommen führt nicht zur sozialen Gerechtigkeit, sondern zur Spaltung von Fleißigen und Müßiggängern. Bei der angeborenen Unlust zur Arbeit wird einen Großteil der Bevölkerung in eine Passivität verfallen, wenn die Grundbedürfnisse bedingungslos gewährt werden. Ob die Müßiggänger dann ihre Freiheit genießen können, angesichts des Mehreinkommens der Tätigen bleibt fraglich. Der Egoismus hätte aber eine legitime Grundlage. Momentan besteht doch die Einstellung, dass sich jeder über eine Lohnerhöhung von 50 Euro nur solange freut, bis er erfährt, wie sein Kollege 100 Euro bekommt. Auch Lottomillionäre wurden durch den Geldsegen nicht automatisch dauerhaft glücklich. Versuche in amerikanischen Kommunen sind an der mangelnden Einsatzbereitschaft gescheitert. Vor meiner eigenen Haustür erlebe ich tagtäglich, dass von meinen Nachbarn keiner freiwillig ein Stück Papier aufhebt. Die Natur des Menschen hat sich auch in den Jahren des Sozialismus nicht verändert. Jeder DDR-Bürger hat die Erfahrung machen können, dass die Arbeitsplatzsicherheit nicht unbedingt zu persönlichen Höchstleistungen antrieb.

Man muss sich fragen, warum einige Menschen trotz dieser Erfahrungen für ein bedingungsloses Grundeinkommen plädieren. Steckt hinter dieser verlockenden Idee nicht vielmehr eine Strategie, das Vertrauen in unseren Sozialstaat zu untergraben, wie es die Kommunisten mit Zwangsenteignungen erzwungen und die Nazis mit der Brechung der Zinsknechtschaft (die sie nie Brechen konnten) versprochen hatten. Beide glücksheischenden Versprechungen hatte katastrophale Folgen. Deshalb lohnt es sich auch einmal Partei für die Soziale Marktwirtschaft zu ergreifen. Sie sorgt für einen sozialverträglichen Ausgleich. Leistung kann sich lohnen und Notfälle sind abgesichert. Vieles kann mit kleinen Schritten verbessert werden, wie beispielsweise mit der ausbaufähigen Einführung des Mindestlohnes. Die Geschichte hat mehrfach gezeigt, dass der "Große Schritt nach vorn" oftmals in den tiefen Abgrund führte. Angesichts der gegenwärtig eskalierenden Stimmungen möchte ich mich hier an dieser Stelle einmal für eine Gesellschaft aussprechen, die nicht Egoismus und Neid fördert, sondern sich an den Motiven Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit orientiert.

 

Ralf Salomon

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