Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Aus Systemvergleich Ost-West lernen

04.11.2019, Herbert Häußer, Crivitz

Einerseits ist es richtig die Hochgesänge auf die DDR zu beenden; andererseits kann konkret im Vergleich der sozialen Systeme nach 45 viel gelernt werden - worauf in der laufenden Diskussion Sozialwissenschaftler auch hinweisen. Die DDR war im Sozialen dadurch gekennzeichnet, dass es in Dörfern und Städten zwischen den Bürger/innen wenig Unterschiede gab - selbst Höcke hat da Recht, wenn er die sozialen Vorteile betont. Psychologen weisen darauf hin, dass im Alltag der Parteisekretär neben Pfarrer oder Stasiangehörigem wohnte; dies kann selbst jetzt noch hier auf dem Dorf/Kleinstadt erlebt werden in der ich nun seit 13 Jahren lebe. Im Westen dagegen gab es nach 45 sozial und wohnortbezogen eine Spaltung: so gab es in meiner Geburtsstadt Ellwangen/Jagst, die sogar noch dadurch gekennzeichnet ist, dass dort die NSDAP nie zum Zug kam sondern das Zentrum dominierte eine soziale Spaltung. Flüchtlinge waren bis weit in die 60er total isoliert in Baracken am Stadtrand, die man mied - so frei nach Degenhardt »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«. Ich habe diese Spaltung konkret erfahren, da mein Vater bereits Anfang 1950 bauen konnte; wir im Herbst 50 schon einzogen und nur meine Grossmutter im einstöckigem, neuen Haus hatten. Zudem kam, dass mein Vater bereits 8 Tage vor Kriegsende zurückkehrte und bereits zum 02.06.1945 wieder bei einer Behörde - Vermessungsamt tätig war und dies obwohl er in Russland mit der Wehrmacht war. Dies war nur möglich, weil er überlief, eine Erschiessung zuvor verweigerte und von ukrainischen Partisanen gefangen genommen wurde, die ihn noch vor Kriegsende den Amis überstellten. Reden dürfte er darüber nie, da dies bis 1996 strafbar war! Mein Vater hat den Amis ihm alle bekannten SS- und NSDAP-Mitglieder benannt und wurde so von den Amis als politisch Verfolgter eingestuft. Im Juni 1945 hatten nur Wenige Arbeit; so war es ihm auch möglich kurz nach der Währungsreform im März 1950 ein einstöckiges alleinstehendes Haus zu bauen in das nur meine Großmutter als Ausgebombte aufgenommen wurde und nicht wie bei den Nachbarn gleich zusätzlich zwei Familien in Erd- und Dachgeschoss. Kurz und gut diese soziale Spaltung lief so stets weiter: mit seiner Verrentung 1966 erhielt er so rund 2000 DM nebst Beihilfe! So hatte er relativ schnell 100 Tausend DM angespart, da es in dieser Zeit relativ viel Zinsen gab. Diese Verwerfungen, die bei Fabrik- und Sparkassendirektoren in der Nachbarschaft noch grasser ausfielen prägen die BRD bis heute und sind mit eine Ursache des AfD-Erfolgs. Im Sinne des Demokratiemodells bedarf es daher mehr sozialer Gerechtigkeit, mehr Dialogbereitschaft und auch einer Konfilktfähigkeit, die hier im Osten angesichts früherer, fehlender Pluralität fehlt! So bleibt nur die Hoffnung auf das Verstehen aus unterschiedlichen Lebensbildern und Zusammenhängen.

Herbert Häußer, Crivitz

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