Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Arbeitslosengeld aus dem Supermarkt

15.11.2017, Berthold Wendt, Kröpelin

Am Sonntagmorgen schockierte mich die Meldung im Radio, dass ab Frühjahr 2018 Arbeitslose, die kein Konto bei einer Bank haben, sich ihre Bezüge im Drogerie- und Supermarkt abholen sollen. Ausführlich und ohne Pietät berichtete der Rundfunk, dass entsprechende Geldautomaten in den Arbeitsagenturen und Jobcentern abgebaut würden. Die einzige angeführte Begründung war die »Kosteneinsparung«. – Nicht die Spur eines Bedauerns oder den Verweis auf die Verletzung der Menschenwürde von Arbeitslosen konnte ich in dem Bericht feststellen! Eher ein Händereiben ... Aber das ist nur so ein Gefühl!

Auch wenn ich nicht von diesen Maßnahmen betroffen bin, macht mich dies nicht nur traurig, sondern wirklich zornig und wütend! Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage eines Betroffenen! Aus welchen Gründen Sie kein Konto haben oder warum Sie möglicherweise auf der Straße leben, entzieht sich unserer Kenntnis. Wer die Augen aufmacht, stellt fest, dass so ein Schicksal sogar Akademiker treffen kann.

In den Arbeitsagenturen und Jobcentern sind Sie meistens noch unter Betroffenen und Sie können Verständnis für Ihre Situation erwarten! Ist dort die Auszahlung von Arbeitslosengeld oder Hartz-4 trotz der relativen Abschirmung mit Sichtblenden schon peinlich genug, so verlieren Sie im Supermarkt jeden Schutz vor den Augen anderer, wenn Ihnen der Betrag an der Kasse vorgezählt wird. Jeder der hinter Ihnen in der Schlange steht, kann nun mitbekommen, dass Sie arbeitslos sind, dass Sie kein Konto haben (oder Ihres gepfändet ist/wird), wie viel Bezüge Sie bekommen und audgrunddessen, dass alles in der Öffentlichkeit passiert, kann niemand verpflichtet werden, darüber Stillschweigen zu bewahren. Klatsch und Tratsch leben auf und machen das Leben noch unerträglicher! - Wen wollen Sie zur Verantwortung ziehen, wenn weitererzählt wird, dass der Alkoholiker Herr X meinetwegen 681 € oder die Chaotin Frau Y beispielsweise 942 € ausgezahlt bekommen hat? Wie schnell haben die Leute ein ungerechtes Urteil über Sie gefällt!

Ich denke noch gar nicht daran, dass es bald Gangs geben wird, die sich darauf spezialisieren, Ihnen das ausgezahlte Geld bei nächster Gelegenheit, also innerhalb weniger Minuten, wieder abzuknöpfen. - Die Auszahlung passiert ja, wie gesagt, in der Öffentlichkeit! - Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen Sack über den Kopf gestülpt, werden in eine dunkle Ecke gedrückt und Ihnen werden die Scheine gleich wieder abgenommen. Die Täter wissen genau, dass und wie viel Geld Sie bei sich tragen. Gesichter haben Sie nicht gesehen und Leugnen gegenüber den Ganoven hilft nicht! Wie sicher ist dann Ihr Leben noch? Wenn Sie dann noch ein stadtbekannter Alkoholiker oder Obdachloser sind, wer will Ihnen dann glauben, dass Sie beraubt worden sind? Ihnen bleibt nur noch die Möglichkeit, sich das Nötige zum Leben auf kriminelle Art und Weise zu beschaffen ...

Arbeitslose, Alkoholiker, ja sogar Obdachlose und Schnorrer haben Menschenrechte! Dazu gehört auch, dass diese Menschen nicht noch zusätzlich stigmatisiert und ins Abseits gedrängt werden!

Mit nachdenklichem Gruß

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