Mecklenburger Blitz Verlag

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800 Jahre Hansestadt Rostock – Alles in bester Ordnung?

25.06.2018, Helmut Rogge, Rostock (KGA Windrose, ehemals Garten 2)

In letzter Zeit wird in der Tagespresse wieder vermehrt über Bebauungspläne der Hansestadt Rostock im Bereich Südstadt diskutiert. Es werde im Interesse der Studierenden unserer Uni- versität an die Erweiterung von Lehr- und Institutsgebäuden, vor allem aber an die Schaffung von dringend benötigten studentischem Wohnraum gedacht. Aber auch andere Interessenten wie die evangelische Kirche (Kindergarten und Hort) oder die OSPA (200 Wohnungen – man sieht förmlich die Euro-Zeichen in den Augen der Vermarkter flimmern) verfolgen dort eigene Ziele. Und der Verband der Gartenfreunde e. V. erklärt, dass er keinen großen Widerstand der bisher auf der Fläche tätigen Kleingartennutzer erwartet, da diesbezügliche Erörterungen seit Anfang der 90er-Jahre immer mal wieder aufkommen und sich die Betroffenen mittlerweile an den Gedanken der Aufgabe ihrer Parzellen gewöhnt haben müssten.

Dass es im Hintergrund der öffentlichen Diskussion zumindest für die ehemaligen Pächter der 18 vom B-Plan »Studieren und Wohnen beim Pulverturm« betroffenen Kleingärten des Vereins Windrose, Nordseite, ganz anders aussieht, zeigt ein wenig schönes Beispiel für den Umgang der Hansestadt Rostock mit ihren Bürgern. Die Vermutung liegt nahe, dass die Stadt mit unlauteren Mitteln vollendete Tatsachen schaffen will – oder sollten etwa in unserem Rathaus Leute das Sagen haben, die eigentlich nicht so recht wissen, was sie tun?

Zu den Fakten: Im Frühsommer 2017 fand in den Räumen des Verbandes der Gartenfreunde e. V. eine Versammlung mit den Gartenfreunden der KGA Windrose, Primelweg und Dwarsweg statt, auf der ein Vertreter des Senates die Bebauungspläne der Stadt für diese Fläche erläuterte und darauf hinwies, dass eine Kündigung der Pachtverträge in der nächsten Zeit bevorstehe. Um das Verfahren zu beschleunigen und quasi vorab schon »Baufreiheit« zu erhalten, wurde den betroffenen Gartenfreunden mit Terminsetzung zum 30. November 2017 versprochen, dass ihnen im Falle ihrer schriftlichen Erklärung der Übergabebereitschaft für ihre Gärten an die Stadt eine Entschädigung in Höhe des Schätzwertes des Gartens plus 30 Prozent Prämie gezahlt würde und lediglich eine Beräumung des mobilen Inventars erforderlich sei. Alle 18 Pächter der Nordseite des Vereines »Windrose« entschieden sich dafür, diesem Vorschlag zu folgen und gaben ihre Gärten auf. Seitens des Verbandes wurden die angekündigten Schätzungen durchgeführt und die Wertermittlungsprotokolle an die Pächter übergeben. Wasser und Strom wurden abgestellt und im Frühjahr 2018 nicht wieder in Betrieb genommen. Auf der Vereinshauptversammlung im Januar 2018 teilte man uns mit, dass die Nordseite nicht mehr als zum Verein gehörig betrachtet würde, und wir daher auch keine Pacht bzw. Umlagen mehr zu zahlen hätten. Soweit also alles klar und eindeutig – außer, dass keiner von uns mehr etwas von dem Verfahren gehört, geschweige denn irgendwelche Entschädigungszahlungen der Stadt erhalten hätte. Im Gegenteil – gemäß Nachfrage beim Verband beruft sich die Stadt nun auf ungeklärte Eigentumsverhältnisse und ist nicht bereit, die Gärten zu übernehmen. Diese bieten inzwischen ja auch einen erbärmlichen Anblick. Ökologieexperten dürfte das Herz höherschlagen, denn die Natur holt sich mittlerweile zurück, was ihr einst gehörte. Unserer Meinung nach hätte der Stadt ein Blick in die Akten ihres eigenen Grundbuchamtes genügt, um vor der Durchführung irgendwelcher Versammlungen mit Verkündung von im Nachhinein unerfüllbaren Versprechungen Klarheit über die tatsächlichen Eigentumsverhält-nisse zu erhalten. Der Verband der Gartenfreunde muss ja auch Kenntnis davon gehabt haben, denn wie man uns nun mitteilte, wurden unsere Pachtzahlungen für die Gärten der Nordseite der KGA Windrose stets an den richtigen Grundstückeigentümer weitergeleitet.

Problematisch ist für uns nur, dass wir nach Aussage des Verbandes nach wie vor verantwortlich sein sollen für die ehemals von uns genutzten Gartenflächen und beim Senat der Hansestadt plötzlich keiner mehr zuständig ist bzw. sich an irgendwelche Versprechungen erinnern kann. Ist ja auch verständlich, denn alle Kräfte und Finanzmittel werden für die Vorbereitung und Durchführung einer schicken 800-Jahr-Feier benötigt – da können die Probleme von ein paar Kleingärtnern schon mal unter den Tisch fallen. Wie sagte ein bekannter deutscher Politiker nach einer Wahl doch so schön: »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern …«

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