Mecklenburger Blitz Verlag

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Man muss es gesehen haben

16.06.2017, Maik Borchardt, Stralsund

Nachdem der Applaus verklungen war und die Türen geöffnet wurden, musste ich noch einen Augenblick verweilen, um in mich zu gehen. Ich musste überlegen, was ich da nun eigentlich gerade erlebt hatte.

Die Geschichte von Babel ist nicht nur eine biblische und allgemein bekannte. Sie ist zugleich eine Analogie menschlichen Strebens und Hochmuts. Mit dem Stück trifft das Jugendensemble unter der Leitung des Choreografen Stefan Hahn einmal mehr den Geist der Zeit. Ein globales Netz sozialer Interaktionsmöglichkeiten steht in starkem Kontrast zur gefühlten Einsamkeit des Individuums.

Die ausdrucksstarken Bewegungen transportieren dabei das Gefühl von innerer Zerrissenheit mit so viel Schönheit und tänzerischem Feingefühl, dass man immer wieder abgeholt wird, wenn einen das zum Teil arg gewöhnungsbedürftige Stimmengewirr des preisgekrönten Hörspiels orientierungslos zurücklässt. Schon an der Bühnenpräsenz des sehr jungen Ensembles reflektiert sich das körperbetonte und energiegeladene Stück. Zwischenzeitlich scheint es sich sogar in Details und kleinen Bewegungen zu verlieren. Bis in die buchstäblichen Fingerspitzen ist es an einigen Stellen »durchchoreografiert«. An anderen sprüht es wieder vor improvisierter Leichtigkeit, nur um sich dann in großen Gruppenbildern zusammenzufinden. Das ganze Stück pulsiert. Besonders beeindruckend ist der hohe technische Anspruch der gesamten Performance. So bleibt sie nicht in einem künstlerischen Rahmen. Die tanztheoretische Auseinandersetzung mit einem derartigen Stoff gelingt in solcher Perfektion nur unter der Einheit modernster tanzwissenschaftlicher, theater- und tanzpädagogischer sowie neurophysiologischer Ansätze im (post)modernen Tanz. Nach »wallah« ist dies ein weiteres Highlight und ein Pflichtbesuch für Tanz- und Kulturinteressierte. Stralsund ist um eine Attraktion reicher geworden und spielt mit dieser außergewöhnlichen Performance nun auf allerhöchstem Niveau. Ein Stück Wien, ja ein Stück Weltbühne, das sich durchaus mit den Arbeiten einer Anne Teresa De Keersmaeker vergleichen lässt, ist in unsere Hansestadt gekommen.

Ich sage: »Bravo!«

Maik Borchardt, Stralsund

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