Mecklenburger Blitz Verlag

Das Anzeigenblatt für Mecklenburg-Vorpommern

Die Wirklichkeit ist anders ...

10.01.2018, Lothar Lentz, Rostock
Dieser Brief bezieht sich auf den Artikel "Leserbrief »Abriss der Heinkel Mauer«"
im Rostocker Blitz vom 07.01.2018

Frau oder Herr M. Thomas sollten doch wieder in die Wirklichkeit zurückkehren! Wenn zum Denkmalsbegriff zählt, dass eine Sache für die Geschichte des Menschen, die Städte und Siedlungen bedeutend sein muss, dann muss man sich auch mal diese Gedanken machen: Wie bedeutend, also auch charakterisierend für Rostocker und die Rostockerinnen ist es, dass 1936 durch Heinkels Bomber die spanische Stadt Guernika als erste Siedlung Europas dem Erdboden gleich gemacht wurde, unzählige Menschen so ermordet wurden?

Mehr hinkend als Vergleich ist der Verweis auf die Römer und ihr Kollosseum. Denken wir mal an ihren alten Kodex: »In Rom lebt man auf römische Art«.

Wir sollten keinen Heinkel-Kult aufkommen lassen – das könnte heikel werden. Er war ein grandioser Techniker, Erfinder und vor allem Manager. Und er folgte »seinem« Führer, hat ihm noch wenige Wochen vor Kriegsende wissen lassen: »Geben Sie mir eine Aufgabe, ich werde sie lösen.« Natürlich gehören die 30 Heinkel-Jahre zur Geschichte (nicht nur) Rostocks.

Rostock hat mehr zu bieten – technisch und was das Management anlangt. Hier wurde vor gut 160 Jahren in der »Eisengießerei, Maschinenbau-Anstalt und Schiffswerft« von Zeltz und Tischbein (der heutigen Neptunwerft) der erste eiserne seegehende schrauben-getriebene Dampfer Deutschlands gebaut. Die Technologie holten die Schiffbauer aus England. Gerade 50 Jahr später ging die Werft an die Börse. Sie hat manchen Sturm durchlebt, hat dem DDR-Schiffbau mancherlei Impulse gegeben, der Diversifizierung um die Jahrtausendwende getrotzt und gilt heute wieder als »gute Adresse« bei Reedern. Mehr als 40 Jahre haben Rostocker Werften besonders im Frachterbau internationale Trends vorn mitbestimmt, hatten Kunden auf vier Kontinenten. In der Warnowwerft wurde u. a. eine Strömungsleitkammer entwickelt, mit deren Hilfe die Seeerprobung der Schiffe rationeller vor sich gehen konnte. In der Schweißtechnik bot sie internationales Spitzenniveau. Heute ist sie – die Rostocker MV-Werft – sowie »August« Neptun auf gutem Kurs. Wenn man mal ins Kalkül zieht, dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts hier neun Schiffbauplätze existierten. Auch schon weit vordem wurden an der unteren Warnow Schiffe gebaut, wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts hier die Kraweelbauweise entwickelt. So kann das 800-jährige Rostock auch auf eine mehrhundertjährige Schiffbautradition zurückblicken: Und da sollte keineswegs weniger zählen, als Ernst Heinkels 30 bombige Jahre.

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